Energiepolitik nach Russlands Angriff – Abhängigkeiten, Flüssiggas und Kernkraft

Abb.: Victoria/Adobe Stock

Relationship-Commodity Erdgas

Der deutsche und europäische Hauptlieferant von Erdgas, Russland, führt Krieg gegen die Ukraine und greift damit die Ordnung eines friedlichen Zusammenlebens in Europa an. Was bedeutet das für die Erdgasbezüge und die Energiepolitik Deutschlands?

Über Pipelines transportiertes Erdgas ist eine „Relationship Commodity“. [1] Tausende Kilometer überbrückend, schweißt tonnenschwerer Stahl Rohr für Rohr Förder- und Verbrauchsregion zusammen. Der wechselseitigen Abhängigkeit entkommen Produzent und Abnehmer nur, wenn sie in ausreichender Kapazität Alternativen für den Bezug bzw. Absatz von Gas vorhalten. Oder wenn sie bei Bedarf ganz auf den Energieträger bzw. die Einnahmen daraus verzichten können. Je umfangreicher das Volumen ausfällt, desto schwieriger ist dies.

Größter Lieferant – wichtigster Absatzmarkt

Russland ist der größte Exporteur von Erdgas in der Welt, Europa sein mit Abstand wichtigster Markt, in den es drei Viertel seiner Mengen absetzt. Diese Lieferungen nach Westen erfolgen zu 90 Prozent via Pipeline und nur zu 10 Prozent mit Schiffen, die auch zu anderen Abnehmern umgelenkt werden könnten. Umgekehrt bezieht Europa ein Drittel seines Erdgases aus Russland, Deutschland sogar mehr als die Hälfte. Osteuropäische Ländern weisen teils noch deutlich höhere Anteile auf. [2]

Das früher auf den asiatischen Markt konzentrierte verflüssigte Erdgas (LNG), das mit Tankern transportiert wird, hat sich in den vergangenen Jahren einen globalen Markt erschlossen, auf dem auch kurzfristig Mengen angeboten werden. Europäische Energiehändler gingen hier Ende 2021 verstärkt auf Einkaufstour, als die niedrigen heimischen Speicherfüllstände und der russische Truppenaufzug an der Grenze zur Ukraine zunehmend ein Fragezeichen hinter die ausreichende Versorgung für den Winter setzten. Zu dieser Unsicherheit, die den Europäern die Verwundbarkeit ihrer Gasversorgung vor Augen führte, hat die russische Gazprom wesentlich beigetragen, indem sie ihre großen europäischen Speicher nicht für den Winter befüllt und damit bereits im letzten Jahr ihre Reputation als verlässliche Lieferantin beschädigt und ihre Rolle als verlängerter Arm des Kremls offenbart hat. [Vgl. hierzu den Beitrag Achillesverse Speicher-Füllstand]

Die zusätzliche Nachfrage nach LNG führte in einem ohnehin engen Markt zu einem Wettbieten der europäischen mit asiatischen Käufern und galoppierenden Preisen. Lieferungen am Referenzmarkt TTF für Januar 2022, die im Juni noch bei (schon nicht günstigen) 30 EUR/MWh lagen, notierten kurz vor Weihnachten in der Spitze bei 180 EUR/MWh. [3]

Auf dem weltweiten LNG-Markt zeichnet sich für die kommenden Jahre unabhängig von der Russland-Krise eine weiter steigende Nachfrage ab, die durch bereits projektierte neue Angebote nur unzureichend gedeckt werden kann. Um alle europäischen Bezüge aus Russland zu ersetzen, müssten die globalen LNG-Mengen schlagartig um zusätzliche 40 Prozent steigen. [4]

Wechselseitige Abhängigkeit kurzfristig nicht auflösbar

Selbst wenn an einigen Stellen kurzfristig die Gasnutzung reduziert werden könnte, ist es schon rein quantitativ also schwer vorstellbar, die europäischen Erdgasbezüge aus Russland in absehbarer Zeit zu ersetzen. Oder allenfalls in einem Wettbieten neuer Qualität und Preisdimension, in dem asiatische Nachfrage nach Erdgas verdrängt werden müsste und in Folge die Nutzung von klimaschädlicher Kohle in dieser Region zusätzlichen Auftrieb erfahren könnte. Davon unbenommen blieben Fragen, ob die bestehende Transport-Infrastruktur in der Lage wäre, die russischen Mengen vollständig durch LNG zu substituieren. Kurzum: Europa ist vorerst nicht in der Lage (umfassend) auf russisches Erdgas zu verzichten, ohne dafür einen sehr hohen Preis zu zahlen. Speicher sind zwar ein wichtiger Puffer, wären nach einigen Wochen oder Monaten aber erschöpft.

Russland bleibt spiegelbildlich auf den europäischen Markt angewiesen, möchte es seine Erlöse aus den Erdgasverkäufen nicht abschreiben. Energieexporte machen rund die Hälfte der russischen Gesamtexporte an Waren und Dienstleistungen aus und sind wesentlich für den Staatshaushalt und damit auch für die Finanzierung des Sicherheitsapparats und des Militärs. Relevanter als Erdgas ist hierbei noch Erdöl. Die russische Ölproduktion liegt gleichauf mit der Saudi Arabiens. Ihre Erlöse aus dem Export, der vorrangig nach Europa und zu nennenswerten Teilen auch nach China geht, entsprechen nahezu dem vierfachen Wert der Erlöse aus Erdgas. Für Deutschland ist Russland mit einem Drittel der Importe der wichtigste Öllieferant, zu dem auch beim Öl direkte Pipelineanbindungen bestehen. [5]

Gas-Abhängigkeit von Russland verringern

Europa steckt in einem Dilemma: Eine scharfe und symbolträchtige Sanktion gegen Russland wäre ein Abnahmestopp für Energie-, insbesondere für Erdgaslieferungen, die für Präsident Putin – im Kontext Ukraine und Nord Stream 2 – besonders im Fokus stehen. Ein vollständiges Embargo der Erdgasimporte träfe Europa und besonders Deutschland aber selbst so hart, dass es über längere Zeit schwer durchhaltbar scheint: Preissprünge könnten relevante Teile der Industrie vor existentielle Wettbewerbsprobleme stellen und zudem für Bürgerinnen und Bürger mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu einer großen Belastung werden. [6]

Das kriegerische russische Verhalten und die unvorhersehbaren Schritte seines Präsidenten Putin legen gleichwohl nahe, alle Spielräume zu nutzen, um die eigene Gas-Abhängigkeit von Russland zu verringern. So öffneten sich kurzfristig ein Spielraum für begrenzte Erdgas-Sanktionen und mittelfristig die Perspektive, die Marktmacht eines massiv an Vertrauen eingebüßten Lieferanten Russland/Gazprom zu limitieren.

Die Kontrahierung weiterer LNG-Mengen für den europäischen Markt, der Bau eines LNG-Anlandeterminals auch in Deutschland, zusätzliche Mengen aus europäischer Erdgasproduktion und eine Sicherstellung der Auffüllung der Speicher über den Sommer sind mögliche Ansatzpunkte innerhalb des Energieträgers Gas, die alle zu einer besseren Absicherung der Versorgung beitrügen.

Kernkraftwerke länger laufen lassen

Eine darüber hinaus reichende strategische Stellschraube für Deutschland ist die Diversifikation der Energieträger jenseits des laufenden Ausbaus der erneuerbaren Energien. Ende 2022 gehen nach aktueller politischer Vorgabe die letzten drei Kernkraftwerke vom Netz. Eine Ersetzung ihrer Stromproduktion durch Erdgaskraftwerke würde zu einem zusätzlichen Erdgasbedarf von jährlich mehr als 50 Milliarden Kilowattstunden oder sechs Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs führen. [7]

Um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren, auf keinen Fall aber noch zu verstärken, wäre ein Weiterbetrieb der drei Kernkraftwerke ein dringend angeratener Beitrag. Dieser stünde zudem in Einklang mit den Klimazielen, was bei einer Ausweitung der Stromproduktion aus Kohle in Verbindung mit der Bereitstellung entsprechender CO2-Emissionszertifikate nicht der Fall wäre. ♦︎

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Autor: Sebastian Herold, Hochschule Darmstadt, Beitrag veröffentlicht am 26.02.2022.

[1] Vgl. Gustafson (2020): The Bridge, S. 7.

[2] Vgl. BP (2021): Statistical Review, Natural Gas: Trade Movements Pipeline/LNG, “Europe” inclusive Turkey but exclusive CIS-Countries; ACER (2021): ACER Market Monitoring Report 2020 – Gas Wholesale Market, S. 54.

[3] TTF Gas Futures, abrufbar via http://www.theice.com.

[4] Vgl. Shell (2022): LNG Outlook 2022, BP (2021): Statistical Review of World Energy 2021, Workbook, Natural Gas: Trade Movements Pipeline/LNG.

[5] Vgl. IMF (2021): Russian Federation, Staff Report for the 2020 Article IV Consultation – Supplementary Information, S. 30-33; BP (2021): Statistical Review, Oil: Inter-area movements; Schiffer (2021): Deutscher Energiemarkt 2020, in: et 3/2021.

[6] So beispielsweise der größte industrielle Erdgaverbraucher Deutschlands, die SKW Piesteritz, vgl. Jung (2021): Was eine deutsche Chemiefabrik mit steigenden Lebensmittelpreisen zu tun hat, Spiegel.de; SKW Piesteritz (2021): Abschaltung einer Ammoniakanlage.

[7] Parameter: Leistung KKW kumuliert 4.300 MW, 7.500 h/a, Wirkungsgrad GuD 60%.

Kleinere redaktionelle Anpassungen und Ergänzungen am 27.02.2022.