Achillesferse Speicher-Füllstand: Gazprom markiert die verwundbare Stelle der Gasversorgung

Abb.: pisotckii/Adobe Stock

Speicher essentiell für die Gasversorgung

Die niedrigen Gasspeicher-Füllstände im Winter 2021/22 führen zu einer Verwundbarkeit der ansonsten sicheren deutschen Gasversorgung, welche – intendiert oder nicht – Gazprom herbeigeführt hat.

Gasfelder zu erschließen und Pipelines über tausende Kilometer zu verlegen ist teuer. Deshalb strömt das Gas aus den Weiten Russlands in Richtung Europa nicht nur im Winter, wenn der Bedarf hoch ist, sondern das gesamte Jahr über möglichst gleichmäßig. Die Strukturierung der Lieferungen entsprechend der Nachfrage erfolgt vor Ort mit Hilfe von Speichern, die überwiegend im Sommer ein- und im Winter auslagern. Ohne Speicher ließe sich der deutsche bzw. europäische Bedarf zur kalten Jahreszeit nicht decken. Dies gilt umso mehr, als die verbrauchsnahen europäischen Gasfelder, die früher durch einen Sommer-Winter-Swing einen substanziellen Beitrag zur Strukturierung geliefert haben, große Produktionsrückgänge verzeichnen, insbesondere das niederländische Groningen-Feld. [1]

Die deutschen Speicher können rund ein Viertel des Jahresverbrauchs aufnehmen und schützen so auch vor kurzfristigen Lieferunterbrechungen. Der liberalisierte deutsche Erdgasmarkt vertraut dabei darauf, dass die Erdgashändler die Speicher bis zum Herbst ausreichend füllen, um den Bedarf der eigenen Kunden im Winter zu decken bzw. um von Preis-Spreads zwischen Sommer und Winter zu profitieren. Gesetzliche Verpflichtungen zur Befüllung der Speicher gibt es keine. [2]

Speicher-Anomalien 2021

Abb. 1: Eingespeichertes Erdgas Deutschland gesamt und Astora. (Eigene Darstellung auf Basis Daten GIE/AGSI+)

Dieses bislang gut funktionierende System weist im aktuellen Winter 2021/22 eine Anomalie auf: Die Speicherstände sind ungewöhnlich niedrig, was im Wesentlichen auf das Verhalten eines Akteurs zurückzuführen ist – Gazprom (s. Abb. 1). Dessen hundertprozentige Tochtergesellschaft Astora verfügt über mehr als ein Fünftel der gesamten Speicherkapazitäten in Deutschland (darüber hinaus hält Gazprom Anteile an zwei weiteren Speichergesellschaften). [3] Trotz Liberalisierung nutzen im deutschen Speichermarkt eigene Konzerngesellschaften häufig exklusiv die Kapazitäten ihrer jeweiligen Speicherbetreiber. [4]

2021 waren die Astora-Speicher seit April nie zu mehr als 22% gefüllt und damit fast leer zur Wintersaison. In Folge davon erreichten die deutschen Speicher insgesamt Anfang November einen Maximalwert von nur 72%, obwohl die anderen Marktteilnehmer ihre Speicher den Sommer über in einem üblichen Umfang befüllt haben. Bis Ende des Jahres ist der Füllstand auf 53% gesunken (Astora 15%) und liegt damit um 24 Prozentpunkte unter dem Silvester-Mittel der Jahre 2014 bis 2020 (77%). Der niedrigste Einzelwert in diesem Vergleichszeitraum beträgt 66% und stammt aus dem Jahre 2017, in dem im Dezember bereits vergleichsweise großen Mengen ausgelagert wurden. [5]

Versorgung sicher – wenn Umstände normal bleiben

Abb. 2: Kumulierte Speicherfüllstände in Deutschland Ende 2021 und Speicherentnahmen der letzten Jahre in Quartal 1. (Eigene Darstellung auf Basis Daten GIE/AGSI+)

Die Speichermenge Ende des Jahres 2021 ist immer noch ausreichend, um die Versorgung unter normalen Umständen sicher zu gewährleisten, insbesondere solange die Importe im üblichen Umfang realisiert werden können. Abb. 2 zeigt die Ende 2021 eingelagerten Mengen im Vergleich zu den Mengen, die in den vergangenen sieben Jahren im jeweils ersten Quartal ausgespeichert wurden. Der Bedarf für das erste Quartal 2022 übersteigt die vorhandene Menge nur in einer hypothetischen Worst-Case-Betrachtung, die die verbrauchsstärksten Einzelmonate aus den verschiedenen Jahren aufaddiert.

Dieses Ergebnis passt zu dem Bild, das mehrere Studien zeichnen, die die Versorgungssicherheit unter verschiedenen Szenarien untersuchen. Bei üblichen Speicherfüllständen weisen Deutschland im Speziellen und Europa insgesamt eine sehr hohe Versorgungssicherheit auf, die kurzfristig nur durch einen kompletten Lieferstopp aus Russland in Kombination mit ungewöhnlich kalter Witterung gefährdet wäre. Die Achillesferse der sicheren Gasversorgung sind allerdings niedrige Speicherfüllstände in Kombination mit weiteren außergewöhnlichen Ereignissen (s. Tabelle Abb. 3).

Gazproms Werk…

Abb. 3: Studien zu extremen Situationen der Erdgasversorgung mit potenziellen Störungen. (Eigene Darstellung)

Die niedrigen Speicherfüllstände Ende 2021 hat Gazprom durch ihr atypisches Speicherverhalten herbeigeführt. Die beiden dazu bestehenden Narrative, strategische Absicht versus fehlende Gasmengen, schließen sich nicht aus: Bis Anfang November ist tatsächlich fraglich, ob Gazprom über das Mengenpotenzial verfügte, um neben der Auffüllung der nach einem kalten Winter strapazierten russischen Speicher und der Verpflichtungen aus eurasischen Langfristverträgen noch in gewohntem Maße in die eigenen deutschen und anderen europäischen Speicher einzulagern oder zusätzliche Spotgeschäfte anzubieten. Mit Abschluss der Befüllung der russischen Speicher Anfang November änderte sich die Ausgangslage, das Bild blieb aber faktisch gleich. Eher homöopathischen Einlagerungen in Europa folgten Entnahmen ab Ende November. Gleichzeitig knüpfte Präsident Putin persönlich die Lieferung zusätzlicher Mengen an die ausstehende regulatorische Genehmigung zur Nutzung der Nord Stream 2-Pipeline, deren ersten Strang Gazprom im Oktober einsatzbereit gemeldet hatte. [6]

Weitere außergewöhnliche Ereignisse mit Auswirkungen auf die europäischen Gasimporte könnte Russland durch eine Eskalation seines Truppenaufmarsches an der ukrainischen Grenze auslösen. Putin droht mittlerweile offen mit „technisch-militärischen Maßnahmen“. [7] Wenn Deutschland und Europa in ihren Reaktionen darauf dann die durch niedrige Speicherfüllstände bereits angespannte Lage ihrer Gasversorgung ins Kalkül ziehen müssten, dürfte dies Russland sehr zupasskommen.

…und Putins Beitrag

Gazprom mag zu Recht darauf verweisen, ihre vertraglichen Verpflichtungen umfassend zu erfüllen. Das allein stellt eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung dar für ein privat-gaswirtschaftlich „normales“ Verhalten inklusive entsprechender Marktkommunikation (selbst für ein Unternehmen, dessen größter Aktionär der russische Staat ist, der zudem ein Monopol für Exporte via Pipeline gewährt). Neben den Langfristverträgen hat Gazprom in den vergangenen Jahren weitere, kurzfristige Mengen für den europäischen Markt angeboten. Von diesem Vorgehen ist sie im Winterhalbjahr 2021 überraschend abgerückt – und bei einem atypischen Verhalten geblieben auch noch nachdem die russischen Speicher aufgefüllt waren. Vor dem Hintergrund der Integration Europas in den Welt-LNG-Markt und der global starken Nachfrage nach Erdgas dürften die aktuellen Rekordpreise für Gazprom die Chance auf Zusatzerlöse bieten ohne dabei die Preiswirkungen aus dem Blick zu verlieren: Lieferungen am Referenzmarkt TTF für Januar 2022, die im Juni noch bei (schon nicht günstigen) 30 EUR/MWh lagen, notierten kurz vor Weihnachten in der Spitze bei 180 EUR/MWh. [8]

Ihre Rolle als verlässliche Swing-Lieferantin, die mit steigenden Preisen die Angebotsmenge ausweitet, stellt Gazprom aktuell in Frage. Es hat den Anschein, der russische Staat könnte, Geopolitik über Ökonomie stellend, von seiner Prärogative Gebrauch machen, die Präsident Wladimir Putin schon vor fast zwanzig Jahren gegenüber dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder wie folgt formuliert hat: „[T]he European Commission should not have any illusions. In the gas sector, they will have to deal with the [Russian] State.“ [9]

Im besten Falle geht es dabei derzeit „nur“ um Druck zur Nutzungserlaubnis der technisch fertigen Nord Stream 2-Pipeline. Im schlechtesten Fall handelt es sich um ein Vorkehrungen für ein russisches Militär-Engagement in der Ukraine, durch welches das Sanktionspotenzial Europas begrenzt werden soll. [10]

So oder so gilt es für Deutschland und Europa zu klären, wie sie weiter mit der Hauptlieferantin ihres zentralen Energieträgers Erdgas umgehen, der noch Jahrzehnte die fluktuierenden erneuerbaren Energien absichern soll. ♦︎

Autor: Sebastian Herold, Hochschule Darmstadt, Beitrag veröffentlicht am 30.12.2021.

[1] Vgl. Sharples (2021): A Series of Unfortunate Events, OIES Energy-Insight 108, S. 5-10.

[2] Vgl. BMWi (2019): Präventionsplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland, S. 11.

[3] Die Beteiligungen Astora (100%) und EKG (33%) werden gehalten über Gazprom Germania, Berlin (vgl. Geschäftsbericht Gazprom Germania GmbH 2020), EPG (50%) über Gazprom export LLC, St. Petersburg (vgl. Jahresabschluss Erdgasspeicher Peissen GmbH 2020).

[4] Vgl. Bundesnetzagentur/Bundeskartellamt (2021): Monitoringbericht 2021, S. 364.

[5] Alle Daten abrufbar von Gas Infrastructure Europe via https://agsi.gie.eu., Jahresendwert für 2021 vom 29.12.2021.

[6] Vgl. Sharples a.a.O, S. 15-23 und 30 ff.; Sedon/Sheppard (2021): Putin says Russia could deliver 10% more gas if Nord Stream 2 approved, in: Financial Times (online) v. 21.10.2021.

[7] Vgl. Foy/Sedden (2021): Putin warns Nato of military response to alliance expansion, in: Financial Times (online) v. 21.12.2021.

[8] Vgl. Geinitz/Wagner (2021): Russland dreht weiter am Gaspreis, in: FAZ v. 23.12.2021 (ePaper), S. 17; PJSC Gazprom (2021): Annual Report 2020, S. 123; Sharples a.a.O; Sheppard (2021): Gas prices rise on little evidence on increased Russian flows, in: Financial Times (online) v. 08.11.2021; TTF Gas Future, abrufbar via www.theice.com.

[9] Felgengauer (2003): Oborona neftegazovoy truby, Novaya Gazeta 76 (13.10.2003), zitiert nach Fredholm (2006): Gazprom in Crisis, Conflict Studies Research Centre 06/48, S. 1.

[10] Vgl. Wagner (2021): Russlands wunde Punkte, in: FAZ (ePaper) v. 09.12.2021, S. 17.