Wie knapp wird Erdgas im Winter 2022/23?

Abb.: danylamote/Adobe Stock

Den ganzen Sommer über haben die Speicher ihre Erdgas-Vorräte aufgefüllt, der aktuelle Stand liegt bei rund 90 Prozent in Deutschland und 86 Prozent in der EU. [1] Spätestens im Oktober dürften regelmäßig Auslagerungen erfolgen. In diesem Ausnahme-Energie-Winter stellt sich dann die bange Frage: Wie knapp wird Erdgas ohne russische Lieferungen?

Vier Faktoren sind für eine Bilanz aus deutscher Perspektive relevant:

  1. Die Höhe der laufenden Importe, insbesondere aus Belgien, den Niederlanden und Norwegen.
  2. Der heimische Verbrauch von Haushalten, Industrie und Kraftwerken.
  3. Die Höhe der laufenden Exporte in Nachbarländer.
  4. Der Speicherfüllstand zu Beginn des Winters.

Der Speicherfüllstand zu Beginn der Heizperiode ist nun näherungsweise bekannt. Die anderen drei Faktoren sind mit Unsicherheiten behaftet. Die nachfolgenden Auswertungen geben eine Indikation auf Basis von Daten der letzten zwölf Monate [2]. Sie zeigen, wie flexibel das europäische Gassystem bereits auf die Einstellung der russischen Lieferungen reagiert hat, und verdeutlichen gleichzeitig, wie groß die Herausforderung bleibt.

Abb. 1: Erdgas im Winterhalbjahr 2022/23 in Deutschland [GWh], Indikation auf Basis historischer Daten, eigene Darstellung, Daten THE [2].

Betrachtungszeitraum ist das Winterhalbjahr von Oktober bis März. In Abb. 1 bildet die dunkelblaue Fläche die deutschen Importe ohne Bezüge aus Russland in Höhe der Vorjahreswerte (a-1) ab. Die darüberliegende hellblaue Fläche zeigt das zusätzliche Potenzial, das sich aus den Erfahrungen der letzten Monate ergibt, in denen diese Importe nach erst Reduktion und später Einstellung der russischen Lieferungen deutlich zugenommen haben – u.a. durch zusätzliches verflüssigtes Erdgas (LNG), das über die Häfen in Belgien und den Niederlanden nach Deutschland geflossen ist. [3] Einen Beitrag zum Aufkommen leistet auch die Erdgasproduktion in Deutschland, die als (kleine) graue Fläche ganz unten erscheint. Die durchgängige orangene Linie gibt den Bedarf als Summe aus heimischem Verbrauch (gestrichelt) und Export in Nachbarländer an.

Die Differenz zwischen Verbrauchsline und dunkel- bzw. hellblauer Fläche entspricht der Menge, die je nach Import-Annahmen nicht aus den laufenden Lieferungen gedeckt werden kann und deshalb aus Speichern entnommen werden muss (solange dies möglich ist) oder fehlt (wenn die Speicher leer sind).

Abb. 2: Speicherfüllstände in drei Szenarien, eigene Abbildung.

Abb. 2 zeigt drei unterschiedliche Szenarien für Speicher-Entwicklungen im Winter 2022/23. [4] Das Szenario, auf das Russland gehofft haben mag, ist in rot dargestellt. Hier stünden im Winter nur die Mengen aus Belgien, den Niederlanden und Norwegen zur Verfügung, die auch im Vorjahr flossen. Die Speicher wären bereits im Dezember leer, eine Gasmangellage mit harten Rationierungen wäre die erwartbare Folge. Dieses rote Szenario dürfte glücklicherweise zu negativ sein, da die Flexibilitäten des internationalen Gasmarktes (LNG) nicht berücksichtigt sind.

In orange abgebildet ist eine Situation, in der die nicht-russischen Importe analog der vergangenen Wochen (maximal) weiterlaufen und die Verbräuche denen des Vorjahres entsprechen. Aufgrund der hohen Preise ist die Verbrauchssituation aktuell zwar eine andere als vor einem Jahr – die Industrie hat ihre Abnahmen bereits reduziert und viele Haushalte werden folgen [5]. Gleichzeitig könnten kältere Temperaten als letztes Jahr diese Spar-Effekte aber ausgleichen. In diesem Szenario erschöpfen sich die Speichervorräte zum Ende des Winters – es würde knapp, aber es käme zu keiner echten Gasmangellage. Herausfordernd bliebe im Sommerhalbjahr die umfassende Wiederbefüllung der Speicher.

Die grüne Linie zeigt das aus Versorgungssicht optimistische Szenario, in dem die nicht-russischen Importe wie im orangenen Szenario maximal weiterlaufen und gleichzeitig der heimische Verbrauch um 20 Prozent reduziert ist. In diesem Falle wären die Speicher am Ende des Winters noch halb voll.

Es bleiben wesentliche Unsicherheiten. Eine ist die Höhe der tatsächlich verfügbaren Importe, die auch von Entwicklungen auf dem LNG-Weltmarkt abhängt. Eine andere ist die Witterung, die direkten Einfluss auf den Heizgasnachfrage in Deutschland und in den Exportländern hat, und die gleichzeitig den Beitrag der erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung bestimmt. Zusammen mit der Einsatzbereitschaft von (insbesondere französischen) Kernkraftwerken und von Kohlekraftwerken ergibt sich so im kommenden Winter ein größerer oder kleinerer Bedarf an Erdgas für die Stromversorgung. Einen positiven Beitrag zur Versorgungssicherheit könnte die frühzeitige Einsatzbereitschaft der ersten deutschen LNG-Terminals leisten.

Bei allen Unwägbarkeiten: Nach aktueller Lage dürfte im Winter ausreichend Gas verfügbar sein, um die Wohnungen zu heizen und die Industrie (weitgehend) am Laufen zu halten. Zu welchen Preisen dies möglich ist, ist eine andere Frage.

Autor: Sebastian Herold, Hochschule Darmstadt, Beitrag veröffentlicht am 19.09.2022.

[1] Vgl. GIE/AGSI+, Abruf am 19.09.2022.

[2] Datenbasis: Trading Hub Europe, Marktgebietsmonitor, Abruf am 18.09.2022.

[3] Annahme: Durchgängige Importe im Winterhalbjahr von 3.000 GWh/d.

[4] Modell aus Abb. 1 in Verbindung mit Annahme Speicherstand 225 TWh als Startwert, s. [1].

[5] Industrie (RLM) im Juli und August ca. 20% unter Vorjahr, vgl. auch BNetzA, Lagebericht Gasversorgung vom 16.09.2022